Die Kleintierwelt der Vetterhöhle (aus dem Karstreport 2010)

Reinhard Koch

Einleitung

Die Großräumigkeit und Weitläufigkeit der Vetterhöhle als Teil des Blauhöhlensystems, sowie ihre Abgeschiedenheit von der Außenwelt (kein natürlicher Eingang) mit ihrer damit verbundenen Unberührtheit von anthropogenen Einflüssen macht sie zu einem interessanten Objekt für faunistische Untersuchungen. Kein bisheriges Karstobjekt auf der Schwäbischen Alb war im Zeitraum seiner biologischen Untersuchung ebenso wenig begangen worden und von vergleichbarer Dimension. Gleichzeitig beherbergt die Vetterhöhle mit ihrem Nebeneinander von Höhlenseen,Tropfwassertümpeln, trockenen Gängen und Schloten, die vermutlich bis in die Nähe der Erdoberfläche reichen [1], eine Vielzahl unterschiedlicher Habitate für verschiedene Arten höhlenliebender Tiere (Troglophile), echter Höhlentiere (Troglobionten),sowie Übersommerer und Überwinterer (Subtroglophile) und einiger Zufallsgäste (Eutrogloxene).

Material und Methoden

Untersuchungen der Kleintierwelt werden in der Vetterhöhle seit Januar 2007 durchgeführt und dauern noch an. Im ersten Untersuchungszeitraum von Januar 2007 bis Januar 2008 wurden hauptsächlich die Höhlenabschnitte Walhalla, Biwakhalle, Nordgang und Abzweig zum Wolkenschloss bearbeitet. Die aktuellen Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf den Vorderen Landweg und Drachenfelsgang.
Als Fangmethode werden neben dem Handfang mit und ohne Exhauster mit Ethylenglykol gefüllte Kunststoffbecher (Joghurtbecher) ins Sediment eingegraben und alle vier Wochen im Rahmen einer "Biotour" kontrolliert und entleert. Die Artbestimmung erfolgt zu Hause unter der Stereolupe mithilfe von Bestimmungsschlüsseln [2, 3]. Die identifizierten Tiere werden vereinzelt und nach Spezies, Fangdatum und Fundort getrennt in Eppendorfgefäßen in 70%igem Ethanol archiviert. In Zweifelsfällen werden die konservierten Proben per Post an vereinsexterne Experten zur genaueren Nachbestimmung verschickt. Die Ergebnisse der Artbestimmung werden im Tabellenkalkulationsprogramm "Excel" erfasst, wodurch eine nachträgliche statistische Auswertung des Datenmaterials erleichtert wird.

Ergebnisse

Bisher wurden 16 Spezies an wirbellosen Tieren in der Vetterhöhle gefunden (Tabelle 1), darunter 4 Arten von Springschwänzen (Collembola), 1 Doppelschwanz (Diplura), mehrere Arten von Zweiflüglern, 1 Käferart, der Höhlenflohkrebs Niphargus, sowie ein Schlammröhrenwurm.

 

Auffällig war die begrenzte räumliche Verbreitung mancher Arten (Abb.1): So wurde die Trauermücke Bradysia ausschließlich in der Walhalla gefunden, während der Springschwanz Mucrosomia bislang nur im Nordgang angetroffen wurde. Auch das bislang bekannte Vorkommen von Niphargen in der Vetterhöhle beschränkt sich auf die überfluteten Abschnitte des Falkensteiner Gangs. Im Gegensatz dazu trifft man in verschiedenen Bereichen der Höhle auf Onychiuriden und die Wintermücke Trochocera malculipennis. Der Springschwanz Pseudosinella und die Buckelfliege Triphleba wurden hauptsächlich in der Walhalla gefangen.

Betrachtet man die Zahl gefangener Exemplare bestimmter Arten im Laufe des Untersuchungszeitraums, ergeben sich unterschiedliche Grafiken (Abb. 2 und 3). Wintermücken wurden das ganze Jahr über angetroffen, wobei eine leichte Häufung in den Wintermonaten aufzutreten scheint.
(Abb. 2: März bis Mai: 4 Exemplare; Juni bis August 6 Exemplare; September bis November: 7 Exemplare; Dezember bis Februar: 10 Exemplare)
Die Gesamtzahl der nachgewiesenen Collembolen scheint starken jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen zu sein (Abb. 3): Nach einem tendenziellen Anstieg der Fangzahlen von Februar bis Juni folgt ein "Sommerloch" in den Hochsommermonaten Juli und August. Dagegen wurden ab September bis Januar wieder stattliche Anzahlen von 10 und 20 Springschwänze pro Monat gefangen.

Diskussion

Das bisher erfasste Artenspektrum bietet einige Überraschungen. Neben etlichen Arten, die man bereits aus anderen Höhlen der Schwäbischen Alb kennt, finden sich auch Spezies, die bislang nur an weit entfernten Fundorten nachgewiesen wurden. Dazu zählt die Dunkelfliege Scoliocentra brachypterna, deren Vorkommen auch aus der Höhle Temnata Dupka bei Lakatnik in Bulgarien bekannt ist [4]. Der Collembole Mucrosomia garetti ist hauptsächlich in der Küstenregion Schottlands verbreitet. Weitere Funde stammen aus anderen Teilen Großbritanniens, aus Irland, Portugal und Deutschland (Nähe Karlsruhe) [5]. Dennoch hätten Größe und Weitläufigkeit der Vetterhöhle und die Vielzahl ihrer verschiedenen Habitate eventuell auf einen höheren Artenreichtum schließen lassen.
Zunächst muss man bei dieser Bewertung berücksichtigen, dass die biologischen Untersuchungen der Vetterhöhle ausschließlich im lichtlosen Tiefenbereich stattfanden, während man in anderen Höhlen zahlreiche eutrogloxene, subtroglophile und troglophile Spezies im Eingangsbereich der Höhle findet. Die Abgeschiedenheit des inneren Blauhöhlensystems mag bei der relativen Artenarmut also durchaus eine Rolle spielen.
Möglicherweise wurden aber bei den bisherigen Untersuchungen noch längst nicht alle Spezies erfasst. Dies könnte unter anderem auf die versteckte Lebensweise mancher Höhlenbewohner und auf die Fangmethodik zurückzuführen sein. So ist es denkbar, dass sich nicht alle Höhlentiere durch die Art der aufgestellten Fallen anlocken und sammeln lassen. Außerdem steht noch eine genaue Artbestimmung der noch nicht näher spezi zierten Springschwänze aus der Familie der Onychiuriden aus. Es könnte sich dabei durchaus um die Vertreter verschiedener Arten handeln.
Sehr aufschlussreich ist folgende Beobachtung: Im Juni 2007 keimte in der Walhalla ein Ahornsämling. Vermutlich wurde er durch die Schuhsohle eines Höhlenforschers eingeschleppt. Die gemäßigten Temperaturen und die ausreichende Feuchtigkeit des Substrats erlaubten der Pflanze die Keimung und ein Wachstum über mehrere Wochen hinweg bis zur Erschöpfung des im Samen mitgeführten Nährstoffvorrats. In unmittelbarer Umgebung des Ahornsämlings konnten per Handfang 7 Individuen des Collembolen Pseudosinella solaudi, 10 Individuen nicht näher spezifizierbarer Springschwänze aus der Familie der Onychiuriden und 1 Exemplar eines Doppelschwanzes gewonnen werden. Es ist bemerkenswert, in welchem Maße eine noch so kleine Nährstoffquelle in der Höhle eine größere Zahl von Tieren unterschiedlicher Arten anlockt und ernährt. Dabei wurde hier diese Nährstoffquelle von Menschen eingetragen.
Die überwiegend saprophag lebenden Collembolen sind offenbar als r-Strategen geeignete Zeigerorganismen für organische Nährstoffvorkommen. Ihre Populationsgrößen sind stark vom Nährstoffangebot abhängig. Interessant sind daher die beobachteten jahreszeitlichen Schwankungen ihrer Anzahl. Es ist davon auszugehen, dass die Fangkurve mit dem Verlauf der tatsächlichen Populationsgrößen (Abb. 3) in etwa korreliert. Auch wenn die Daten aus nur einem Beobachtungsjahr sicherlich noch keine statistische Relevanz besitzen, so darf man sich schon einmal Gedanken über mögliche Faktoren machen, die auf die Häufigkeit an Collembolen in der Vetterhöhle Einfluss haben könnten.
Auffällig sind ihre relativ stattliche Anzahl im Herbst und im Mai bis Juni, sowie ihr geringes Vorkommen im April, Juli und August. Mögliche Ursachen könnten die Witterungsbedingungen an der Oberfläche sein (vermehrter Eintrag von Nährstoffen bei feuchter Witterung) und die jahreszeitlichen Unterschiede der Destruententätigkeit in der Bodenschicht. So ist im Herbst von einer erhöhten Freisetzung von organischem Materialauszugehen. Ein weiterer möglicher Faktor wäre der schwankende Eintrag von Fledermauskot. Dies könnte neben der saisonalen Trockenheit eine Erklärung für das Ausbleiben gefangener Collembolen im August 2007 liefern. Noch liegen allerdings keine ganzjährigen Beobachtungen der Fledermauszahlen in der Vetterhöhle vor. Immerhin zeigen Beobachtungen aus der Laichinger Tiefenhöhle, dass dort die höchste Fledermausaktivität in den Übergangsjahreszeiten zu verzeichnen ist, während im Winter und Hochsommer kaum Tiere angetroffen wurden [6]. Ob auch die untersuchten Räume der Vetterhöhle im Juli und August weitgehend frei von Fledermäusen sind, muss noch geklärt werden. Der Vergleich zwischen der Fledermaussituation in der Sontheimer Höhle und der Laichinger Tiefenhöhle zeigt nämlich, dass die Fledermausbestände verschiedener Höhlen höchst individuell sind. Dass die Vetterhöhle den Sommer über tatsächlich weitgehend frei von Fledermäusen ist, wird allerdings von Dr. Alfred Nagel für eher unwahrscheinlich gehalten [7]. Die Beobachtung der Collembolenpopulation und die Aufklärung der für ihre Schwankungen verantwortlichen Ursachen wird also weiterhin ein spannendes Untersuchungsfeld bleiben.
Kritisch zu betrachten ist vor diesem Hintergrund die gängige Praxis, vor dem Ausbringen der Tierfallen potenzielle Höhlenbewohner durch Köder(üblicherweise Wurst und Käse) anzulocken. Es ist davon auszugehen, dass man damit eine Vermehrung bestimmter Arten fördert und somit den Blick auf die ursprüngliche Häufigkeit der einzelnen Spezies verfälscht.
Das bei manchen Arten begrenzte räumliche Vorkommen gibt interessante Hinweise auf unterschiedliche Habitate innerhalb der Höhle. So handelt es sich beim ausschließlich im Nordgang angetroffenen Collembolen Mucrosomia garetti um eine troglophile Art, die oberirdisch in feuchtem Humus angetroffen wird [8]. Ob sich das Sediment an der Untersuchungsstelle im Nordgang in seiner Beschaffenheit von dem anderer Höhlenabschnitte unterscheidet (z.B. durch einen höheren Anteil organischer Stoffe), könnte ein weiterer Gegenstand künftiger Untersuchungen sein.
Für eine abschließende Beurteilung des Ökosystems Vetterhöhle und seiner Kleintierwelt werden auf jeden Fall noch zahlreiche weitere und langfristigere Beobachtungen notwendig sein.

Danksagungen

Mein Dank gilt Dr. Jürgen Schulz (Görlitz), Sabine Prescher und Gisela Weber (Braunschweig), Prof.  Pomorski, Kai Heller (Heikendorf), sowie Jürgen Frank (Waiblingen) für ihre Mithilfe bei der genauen Nachbestimmung der Funde; Richard Frank, Dr. Alfred Nagel, sowie Sylke und Dieter Hoffmann für wertvolle Auskünfte in Bezug auf das Ein- und Ausflugverhalten von Fledermäusen.
Mein besonderer Dank gilt sämtlichen Teilnehmern der zurückliegenden Biotouren für die Beschaffung des Datenmaterials, besonders Petra Boldt und Robert Eckardt, der bei sämtlichen Biotouren dabei war und dessen Adlerauge und flinker Hand wir zahlreiche Handfänge verdanken.
Ganz besonderer Dank gebührt Christian Fischer, der die biologischen Untersuchungen in der Vetterhöhle bis einschließlich September 2009 geleitet hat, mich anschließend in das Thema Höhlenbiologie eingearbeitet hat und mir weiterhin mit Rat und Tat zur Seite steht!

Quellenverzeichnis

[1] Fischer, Christian: Die Vetterhöhle – ein Lebensraum ohne Licht; in: Die Vetterhöhle – Forschungsbericht aus dem Blauhöhlensystem (2007). Grabenstetter Höhlenkundliche Hefte, Nr. 12 ISSN 1437-9805; S. 51-52
[2] Schaefer, Brohmer: Fauna von Deutschland, 18. Auflage 1992, Quelle & Meyer Verlag Heidelberg / Wiesbaden
[3] H. J. Müller (Hrsg.): Bestimmung wirbelloser Tiere im Gelände; Gustav-Fischer-Verlag, Jena
[4] Beschovski, L. V.& Gueorguieva, R. G. (2001): Review of the Bulgarian Heleomyzidae species (Insecta: Diptera).- Acta Zoologica Bulgarica 53(1), S. 29-38. schriftlicher Hinweis von Sabine Prescher, Braunschweig.
[5] Persönliche schriftliche Mitteilung von Dr. Jürgen Schulz, Naturkundemuseum Görlitz, an Christian Fischer vom 11.12.2007
[6] Frank, Richard: Sommerliche Nutzung der Laichinger Tiefenhöhle durch Fledermäuse.  Laichinger Höhlenfreund 34 (1) 1999
[7] Dr. Nagel, Alfred: Persönliche schriftliche Mitteilung vom 11.2.2009
[8] David J. Rusell: Feststellung und Modellierung der kurzfristigen Jahresdynamik und kleinräumigen Variabilität von endogäischen Insekten auf Boden- Dauerbeobachtungsflächen in Baden-Württemberg Erhöhung der Aussagekraft des Monitoringprogramms in Rheinauen; Forschungsbericht FZKA-BWPLUS (2004)